Unsere Nachbarin: Annette Kappeler

Ein Porträt von David Lei.

Es ist der erste Sonntag nach dem Lockdown. Von zwei Balkonen erklingt um Punkt 18 Uhr Musik, gespielt von zwei Damen. Eine davon ist Annette Kappeler. Sie spielt Geige und das in Perfektion. Grund genug für mich, Annette einen Besuch abzustatten und für diese Sonderausgabe zu porträtieren.

In unserem Gespräch stellt sich heraus, dass die Musik mehr als nur ihre Leidenschaft ist – es ist ihr Leben. In ihrer Wohnung befinden sich aktuell neun Instrumente, darunter auch ein Akkordeon und ein Klavier. Auffällig sind aber die fünf Streichinstrumente. Annette besitzt Geigen und Bratschen aus dem 18. Jahrhundert, aber auch neu gebaute. Nicht alle diese Instrumente spielt sie selber. Mit ihrem Partner Pierre-Luc musiziert sie gemeinsam, und das obwohl er vor ihrem Kennenlernen kaum Noten lesen konnte.

Mittlerweile haben sie sich ein Musikzimmer eingerichtet, in welchem eine Klappe an der Decke beim Durchzug angebracht ist. Damit wird die Akustik in die anderen Wohnungen noch besser abgefangen, sagt sie mir mit spürbarem Enthusiasmus und einem sympathischen Lächeln.

Meistens forscht und unterrichtet sie aber an der Hochschule für Künste Bern oder in der Kalaidos Musikhochschule. Konzerte macht sie vor allem mit alter Musik, welche im 17.-19. Jahrhundert gespielt wurde.

Sie ist aber weit mehr als nur eine Musikerin und ist auch heute noch in ihrem anderen Studienfach aktiv. In Wien studierte sie neben Geige und Bratsche auch deutsche und französische Literatur und machte in der Musik einen Master Performance und Pädagogik, in der Literatur schrieb sie eine Dissertation über französische Opern des 17. und 18. Jahrhunderts.

In unserer Unterhaltung erfahre ich, dass sie oft hofft, auch mehr jüngere Menschen mit ihrer Musik anzusprechen und dass sie mit dem Gedanken spielt, die klassischen Konzert-Formate irgendwie zu ändern.

Bestärkt wurde sie in diesem Gedanken während der Anfangszeit von Corona, da es auch Momente gab, zu welchen mehrere Kinder begeistert mittanzten. Auch bei Menschen, welche sie sonst an ihren Konzerten kaum antrifft, fand ihre Musik in der BSH-Siedlung Anklang.

Was klein, zu zweit und inspiriert von Kolleginnen und Kollegen aus Italien auf dem Balkon begann, führte dank der positiven Rückmeldungen der Nachbarschaft zu einer Wochenserie.

Aus den Balkon- wurden bald Gartenkonzerte, und mit Flugblättern an den Hauseingängen wurde das nächste Konzert angekündigt.

Geübt für die Auftritte wurde vorher im Wald oder dem Velokeller. «Es war schön, die Freude der Menschen zu sehen und brachte auch Motivation, um dranzubleiben» meinte Annette. Denn wie es im Sport schwer ist, ohne Wettkampf Höchstleistungen zu vollbringen, ist es auch bei Musikerinnen und Musikern ohne Konzert.

Ein weiterer positiver Aspekt war die entstandene Durchmischung der Instrumente und Personen, welche ohne die Pandemie so vermutlich kaum zustande gekommen wäre. Profis und Amateure taten sich zusammen, und für jede Person wurde die passende Stimme arrangiert. Die Liederauswahl wurde auf den Tag abgestimmt. So gab es passende Lieder zum Muttertag, teilweise konnten die Musikanten auf Wünsche eingehen, und am 1. Mai setzten sie mit Gesang zum Lied «Bella Ciao» nochmals einen drauf. Weiter unten gibt es ein paar Video-Impressionen von diesem Moment. 

Die BSH ist mit all ihren Bewohnerinnen und Bewohnern auch eine sehr musikalische Siedlung.

Die Kehrseite von COVID darf man deswegen aber auch nicht einfach ausblenden. Aktuell ist aber Hoffnung in Sicht; aktuell sind im August die nächsten Live-Konzerte geplant – wir drücken die Daumen und danken dir, dass du uns in dieser herausfordernden Zeit solch schöne Momente beschert hast!

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2020-08-13T06:57:22+00:00